Jäger der Vergangenheit!


„Die Honigbienen, die heute diesen großen Wirtschaftsfaktor darstellen, die haben sich vor ungefähr dreißig neunundzwanzig Million Jahren entwickelt. Und der Bernstein zeigt uns die Vorfahren dieser Honigbienen. Und wir können dann über weitere fossile Lagerstätten rauskriegen, wie sich die Bienen weiterentwickelt haben, wo sie sich entwickelt haben und wohin sie gewandert sind. Und das ist auch deswegen wichtig, um die Verwandtschaftsgrade der heutigen Bienen besser zu verstehen. Zum Beispiel, um herauszufinden, dass gewissen Schädlinge einige Arten schädigen und andere nicht.

E in fataler Fehler. Angelockt durch den süßen Duft des Harzes begeben sich die urzeitlichen Bienen in eine tödliche Falle.

Der Harz erfasst sie und hält sie gefangen. Kein Entkommen. Langsam umschließt das klebrige Gefängnis das Insekt . Ein goldener Sarg der Millionen von Jahren überdauert. Und er ist diesen urzeitlichen Insekten auf der Spur. Ulrich Kotthoff, Geologe der Universität Hamburg.

Über 3800 Fundstücke einer einmaligen Sammlung des Geologischen Instituts Hamburg forstet der Geologe durch, auf der Suche nach den urzeitlichen Bienen. Und er wird fündig. Eingeschlossen vor über 40 Millionen Jahren können diese Zeitzeugen Hinweise auf den Ursprung aller Bienen geben. Momentaufnahmen eines urzeitlichen Ökosystems

„Ganz oft ist es so, dass die Tiere quasi dabei eingeschlossen werden, was sie zuletzt getan haben. Das heißt also, wir finden nicht nur die Fossilien an sich, sondern wir sehen, aha, da hat eine Biene zum Beispiel gerade irgendwie Pollen gesammelt oder wir sehen eine Spinne hat gerade Spinnenfäden gemacht. Man erwischt manchmal auch einzelne Tiere beim Kopulieren, man erwischt Tiere, die sich an anderen Tieren festhaken um durch die Gegend getragen zu werden. Das ist etwas, also Verhalten, was man im Bernstein erkennt und was man in ganz vielen anderen Fossillagestätten so nicht findet.“

Das nutzt der Geologe für seine detektivischen Nachforschungen. Die Bienen sind bis ins kleinste Detail erhalten. Ihrer Körperform, ihre Farben und ihre Flügel. Und die sind der Schlüssel des Rätsels. Er vermisst die Flügel der damaligen Bienen – Ader für Ader und vergleicht sie mit den heutigen Bienenflügeln.

„Ich als normaler Wissenschaftler kann auch schon anhand der Flügelart sofort erkennen, ob ich jetzt eine westliche oder eine östliche Honigbiene oder eine Riesen-Honigbiene vor mir hab. Also, sie haben sich schon geändert, aber nicht in dem Maße, dass man davon ausgehen muss, dass jetzt der Flügel noch im Laufe der Evolution irgendwie optimiert wurde.“

Biene für Biene nimmt der Forscher unter die Lupe. Neben den in Bernstein eingeschlossenen Bienen zieht Kotthoff auch fossile , also versteinerte Bienen hinzu um seine Nachforschungen zu untermauern. An denen kann man das Alter auf Grund der Lagerung in den Gesteinsschichten besser bestimmen. Ader für Ader zeichnet Kotthoff am Mikroskop nach. Ein spezielles Programm hilft ihm dabei. Und es wird spannend. Stück für Stück lüftet sich das urzeitliche Geheimnis. Könnte unsere europäische Biene wirklich die Urmutter aller Bienen sein?

„Man sieht, dass wir vor 19 Mio. Jahren eine viel größere, man sagt „Diversität“ hatten, bzw. „Disparität“, das heißt also wir hatten Bienen, der sehr unterschiedlich aussahen an denselben Stellen. Also einige sahen aus wie Riesen-Honigbienen, waren nur ein bisschen kleiner. Andere sehen aus wie die westlich Honigbiene, während das heute viel klarer getrennt ist. Deswegen war unsere Interpretation, dass vor 19 Mio. Jahren gewissermaßen die Aufspaltung der einzelnen Arten eingesetzt hat und dass wir jetzt gesagt haben: Europa ist das Zentrum, liegt einfach daran, dass wir da extrem viele Funde aus Spanien, aus Deutschland, aus Österreich, aus Italien haben, usw. Und wir haben fast gar keine Funde, zumindest aus dem frühen Miozän und aus der Zeit davor, aus Asien, während wir auch noch ältere Honigbienen in Deutschland und Frankreich kennen, die also ungefähr 30 Mio. Jahre alt sind.“

Auf der Suche nach den Bienen entdeckt der Geologe noch andere Tierarten. Eingeschlossen in dem goldenen Sarg offenbaren sie ein ganzes Ökosystem, das zur Zeit der Bienen existierte. Wie dieser Rüsselkäfer oder eine Ameise beim Melken einer Blattlauskolonie.

Aus den gefunden Pflanzen und Pollen können die Forscher auch auf die Ernährungsgewohnheiten der Insekten und speziell der Biene schließen.

Die Evolution der Bienen und natürlich dann auch zwangsläufig der Honigbienen, ist ganz eng an die Entwicklung der Blütepflanzen gekoppelt. Es ist etwas umstritten, wann die Blütepflanzen aufgekommen sind. Wahrscheinlich vor 130, 120 Mio. Jahren, am Anfang der Kreidezeit. Und die Radiation verschiedener Bienenarten und auch einiger anderer Insektengruppen, also zum Beispiel Schwebfliegen, die sich vom Blütenstaub, zum Beispiel ernähren oder vom Nektar, die ist ganz eng an die Evolution der Pflanzen gekoppelt. Das heißt also, wir haben viele Honigbienenarten, ab da wo sich auch viele Blütenpflanzenarten entwickeln, wenn man das so ganz salopp sagen will.“

Um die Verwandtschaft der Bienen mit den heutigen lebenden Insekten nachzuweisen, bietet sich eigentlich ein DNA-Test an. Das Erbgut erhalten in dem Bernstein. Theoretisch könnte man daraus die urzeitliche Biene auch gleich wieder zum Leben erwecken. Doch das geht leider nicht, so Experte Kotthoff.

„Diese Szenarien, dass man quasi dann ganze Organismen rekonstruieren kann, das ist also wirklich leider völlig unwahrscheinlich. Man muss dazu sagen, der Bernstein, der ist ja nicht völlig luftabgeschlossen, der konserviert ja nicht perfekt, sondern da findet immer noch ein Austausch statt, die DNA kann abgebaut werden. Zu diesem Themenkomplex gehört auch, dass man früher gedacht hat, man könnte Luftblasen im Bernstein analysieren, um etwas über die Atmosphäre zu der damaligen Zeit aussagen zu können. Auch das funktioniert nicht.“

Nach mehreren Monaten und unzähligen Auswertungen der Flügel, endlich der Beweis. Die Forscher können eindeutig belegen. Die Urbiene war europäisch. Das würde auch erklären warum die Bienen heute anfällig sind gegen Schädlinge.

„Die Schlussfolgerung ist, dass die westliche Honigbiene, die ja als Honigproduzent und Pollinator so wichtig ist, dass die sich wirklich in Europa und Afrika entwickelt haben kann und dass es eben falsch ist davon auszugehen, dass sie aus Asien eingewandert ist, nach der letzten Eiszeit. Unsere Forschung gibt insofern einen Hinweis darauf, warum das so ist. Weil man nämlich weiß, dass die westliche Honigbiene mit dieser Varroamilbe, die aus Asien stammt, erst im Laufe des 20. Jahrhunderts überhaupt kontaminiert wurde. Also erst da ist diese Milbe praktisch auf die westliche Honigbiene übergesprungen. Hätten sich die Milben und die Bienen, wie man das früher angenommen hat, die ganze Zeit über in Asien zusammenentwickelt und wäre dann unsere Honigbiene aus Asien rübergewandert, würde ich jetzt mal annehmen, dann müsste die ähnliche wie die asiatische Honigbiene darauf gut reagieren können.

Von solchen Bienen stammen also die heutigen Bienen ab. Die Forschungsarbeiten sind aber noch lange nicht am Ende. Die Forscher suchen noch weitere Hinweise in der eingeschlossenen Vergangenheit warum die heutigen Bienen so unter den Schädlingen leiden

 

Realisation / Autor: Volker Ide, NDR Hamburg